Figuren entwickeln Eigenleben
Dr. Heinz Linduschka berichtet im “Bote vom Untermain” heute von meiner ersten Lesung.
Figuren entwickeln Eigenleben
Heiko Wolz präsentiert in Reistenhausen seinen Erstlingsroman »Spinnerkind«
Als der Verein »Dorfliebe – lebendiges Collenberg« vor gut drei Jahren gegründet wurde, hat er sich die Förderung des Zusammenlebens der drei Ortsteile als wichtiges Ziel gesetzt. Genau darum ging es, als Alexandra Marsilia am Donnerstag in der Alten Schule in Reistenhausen 40 Besucher zur Autorenlesung mit Heiko Wolz begrüßen konnte.
»Ein Collenberger stellt uns Collenbergern sein Kind vor«, formulierte Marsilia, bevor Wolz, in Wertheim geboren und in Kirschfurt zuhause, seinen literarischen Erstling »Spinnerkind« vorstellte.
Fünf Szenen aus dem 170-Seiten-Werk las der knapp 30-jährige Wolz und verband die Passagen immer wieder mit persönlichen Überleitungen. Schnell wurde klar, dass seine Arbeit im St.-Josefs-Stift für Menschen mit geistiger Behinderung einen wichtigen Einfluss auf Figuren und Plot im Buch hat. Ein Besucher formulierte das so: »Man merkt den Personen an, dass Sie ihnen viel Sympathie entgegenbringen.«
In Schubladen will sich Wolz nicht einsperren lassen, auf ein Genre lässt er sich nicht festlegen. Filme haben offensichtlich bei seiner Sozialisation als Schriftsteller eine wichtige Rolle gespielt: Die Struktur des Romans erinnert an Filmschnitte, der Roman entwickelt sich wie ein Mosaik und der offene Schluss ist gewollt. Auf ein Happy End wird verzichtet, den Blickwinkel der Hauptfigur, des 14-jährigen Jakob McGhee, kann man mit dem Auge einer Filmkamera vergleichen. Warum Wolz seinen Roman nach Amerika verlegt habe, wollte eine Besucherin wissen. Lakonisch fragte er zurück: »Warum nicht?« Und er gab zu, dass er in seiner Jugend stark von amerikanischen Filmen geprägt worden sei: »Ich bin beispielsweise mit den Simpsons groß geworden.«
Auch die Frage nach den Wurzeln des Schreibens blieb nicht aus. Auch Wolz hat als Schüler mit Geschichten und Gedichten begonnen, bevor er sich »mit Anfang 20 ernsthafter mit dem Handwerk des Schreibens auseinandergesetzt« und durch seine Präsenz in einem Autorenforum einen gewissen Bekanntheitsgrad und die notwendige Förderung gewonnen habe.
Wolz sieht sich als eine Mischung aus den beiden gängigsten Autorentypen: »Ich plane genau, wenn ich aber zu schreiben anfange, dann nehmen die Figuren das Ruder selbst in die Hand und entwickeln ein Eigenleben.« Das sei auch bei »Spinnerkind« nicht anders gewesen. Mit ein bisschen Bedauern in der Stimme gab Wolz zu, dass ihn seine Arbeit mit Früh- und Spätschichten und auch seine Familie – er und seine Frau haben drei Kinder – nur wenig Zeit zum Schreiben lassen: »Dreimal in der Woche abends ein bis zwei Stunden« seien schon das höchste der Gefühle. Trotzdem ist er intensiv dabei, seinen zweiten Roman zu schreiben. In wenigen Wochen soll ein Kapitel daraus auf seiner Homepage zu lesen sein und auch dieser neue Roman soll im Frühjahr 2008 wieder im jungen Verlag Addita erscheinen, mit dem Wolz sehr zufrieden ist. Dass es wieder um skurrile, immer aber verblüffend authentische Figuren geht wie im »Spinnerkind«, darf vermutet werden - auch wenn die Figuren aus dem Erstling nicht vorkommen sollen.
Die erste öffentliche Lesung des jungen Autors Heiko Wolz war – erkennbar am großen Zwischenbeifall und am Schlussapplaus – ein großer Erfolg. Kaum ein Besucher verließ die Alte Schule in Reistenhausen ohne Buch mit Widmung. Manche nahmen sogar vier Exemplare mit nach Hause und man muss kein Prophet sein, um zu ahnen, dass die Erstauflage bald ausverkauft sein wird.
Heinz Linduschka
